Hintergrund
Der sich allmählich beschleunigende demographische Wandel gehört zu den wichtigsten gesellschaftlichen Entwicklungen der nächsten Dekaden. Dies ist keineswegs eine neue Einsicht. Dennoch beschränkt sich die öffentliche Debatte ebenso wie die wissenschaftliche Forschung in Europa noch weitgehend auf die sozialpolitischen Konsequenzen, besonders auf das Finanzierungsproblem der staatlichen Rentenversicherungen. Der demographische Wandel wird jedoch auch einen tief liegenden makroökonomischen Strukturwandel hervorrufen, der alle zentralen Märkte – Arbeitsmarkt, Märkte für Waren und Dienstleistungen, sowie die Kapitalmärkte – beeinflussen wird.
- Der demographische Wandel wird massive Auswirkungen auf die Produktionsweise haben, da im Deutschland des Jahres 2030 ca. 20% weniger Erwerbstätige ein etwa gleiches Konsumniveau wie heute produzieren müssen. Ohne stärkere Abhängigkeit von Güterimporten ist dies nur mit einer wesentlich höheren Produktivität möglich, die ihrerseits nur durch eine höhere physische Kapitalintensität und mehr Humankapital erbracht werden kann. Die Löhne werden steigen, die Kapitalrendite unter Umständen fallen. Während diese Tendenzen qualitativ unumstritten sind, ist das quantitative Ausmaß der Veränderungen noch unklar.
- Der demographische Wandel wird die Konsumstruktur deutlich verändern: es werden mehr Dienstleistungen und mehr Produkte für ältere Mitbürger nachgefragt werden. Solche Nachfrageverschiebungen implizieren einen Strukturwandel in der Produktion mit den entsprechenden Friktionen, z.B. temporäre Arbeitslosigkeit, insbesondere, wenn es bei der heutigen geringen sektoralen Mobilität bleibt. Wiederum sind die quantitativen Auswirkungen unklar. Einerseits besteht die Hoffnung, dass der demographische Wandel quasi automatisch das Arbeitslosenproblem lösen wird. Andererseits ist es jedoch durchaus möglich, dass friktionelle Arbeitslosigkeit in großem Ausmaß entsteht und die zunehmende Spreizung des Qualifikationsniveaus zu einem dualen Arbeitsmarkt mit Knappheit unter Hochqualifizierten und Arbeitslosigkeit unter Geringqualifizierten führt – also zu einer deutlichen Verschärfung eines bereits heute beobachteten Phänomens.
Jedoch sind die Auswirkungen des demographischen Wandels auf den Arbeitsmarkt nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ nicht klar, da es möglicherweise Interdependenzen zwischen der Alters- und der Qualifikationsstruktur der Erwerbspersonen gibt. - Der demographische Wandel wird schließlich die internationalen Wirtschaftsbeziehungen ändern. Kapital wird aus Ländern mit einer relativ alten Bevölkerung in Länder mit einer relativ jüngeren Bevölkerung fließen, da dort die Renditen höher sein werden. Selbst wenn die ganze Welt allmählich altert, reichen die relativen Altersunterschiede zwischen Ländern aus, um starke Kapitalbewegungen zu induzieren. Diese Einsicht ist für Deutschland besonders wichtig, da unser Land bereits heute einen der höchsten Anteile älterer Mitbürger der Welt hat. Diese Kapitalströme müssen über die Zahlungsbilanz finanziert werden. Daher ist es wahrscheinlich, dass Deutschland vom "Exportweltmeister" zum Nettokapitalimporteur werden wird. Die höheren Importe gehen im Übrigen einher mit der Knappheit an Arbeitskräften bei einem im Wesentlichen gleichbleibenden Konsumniveau. Wiederum ist das quantitative Ausmaß unklar. Es hängt von der Geschwindigkeit der Globalisierung von Kapital- und Gütermärkten ab, insbesondere dem Abbau von Investitionshemmnissen in den jungen Schwellen- und Entwicklungsländern.
- Zusätzlich zum Volumen der internationalen Kapitalströme spielt die demographische Entwicklung auch eine Rolle in der zeitlichen Struktur dieser Ströme. So wird die in Zukunft noch stärkere Alterung möglicherweise zu starken Kapitalausfuhren in der Gegenwart und Kapitalreimporten in der Zukunft führen, wenn die älteren Mitbürger ihr als Altersvorsorge investiertes Kapital konsumieren wollen.
Alle diese Entwicklungen gilt es zu antizipieren, nicht zuletzt, um Härten und Übergangsprobleme zu mildern oder ganz zu vermeiden. Die Probleme beginnen zwar, ansatzweise auf den "Radarschirmen" der Regierungen und internationalen Organisationen aufzutauchen, doch fehlt es noch an Daten und geeigneten Modellen, um diese Entwicklungen quantitativ abzuschätzen.
Hier zu helfen und die notwendigen Analyseinstrumente zu entwickeln, wird die Hauptaufgabe von MEA sein.
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